Fünfter Jahrestag der Flut
Verlust, Dankbarkeit und Solidarität
Jede Eupenerin und jeder Eupener weiß noch ganz genau, wie sie den 14. und 15. Juli 2021 erlebt haben. Wo sie waren, als die Straßen und Gassen zu einem reißenden Strom wurden und eine Spur aus Schlamm und Verwüstung hinterließen. Jede Geschichte ist anders und doch ist ihnen allen eines gemeinsam: die Dankbarkeit für die überwältigende Solidarität, aber auch der Schmerz des Verlustes. Sieben Betroffene haben ihre Erinnerungen mit den rund 200 Anwesenden geteilt und mit ihren Schilderungen zutiefst berührt.
Schweigeminute
„Heute spielen im Temsepark wieder die Kinder, Familien essen Eis, der Park ist ein Ort der Erholung“, so Bürgermeister Thomas Lennertz, der durch die Veranstaltung führte. „Die Nacht des 14. Juli 2021 hat Eupen für immer verändert. Fünf Jahre scheinen lange her – für die Betroffenen ist es jedoch manchmal noch wie gestern.“ Mit einer Schweigeminute gedachten die Anwesenden Angelo Heuer, der sein Leben im Alter von 21 Jahren in den Fluten verloren hat.
Eupens schönstes Gesicht
In den Wochen nach dem 14. Juli habe Eupen sein schönstes Gesicht gezeigt. Die Flut habe viel mitgerissen, nicht aber die Menschlichkeit und den Zusammenhalt, blickte Thomas Lennertz zurück. Eupen habe gezeigt, was möglich ist, wenn alle gemeinsam anpacken: die vielen unermüdlichen Helferinnen und Helfer, die Einsatzkräfte, die Mitarbeitenden der Verwaltung und das ehemalige Gemeindekollegium. Ihnen allen sprach Eupens Bürgermeister seine tiefe Dankbarkeit aus.
Die Menschen besser schützen
Heute seien viele Familien zurückgekehrt, Unternehmen investieren wieder in der Unterstadt, die Flut dürfe man jedoch nicht vergessen. Man müsse die richtigen Lehren ziehen, mahnte Ministerpräsident Oliver Paasch. Extreme Wetterverhältnisse werden wieder vorkommen. Um die Menschen besser zu schützen, bedürfe es die Zusammenarbeit aller belgischen Staatsebenen.
Als Bernd Visé am Morgen des 15. Juli zu seinem Restaurant kam, sei die Brücke in der Malmedyer Straße voller Geröll gewesen. Beim Anblick der Zerstörung beschloss er, sein Restaurant nach 40 Jahren aufzugeben. Solch ein Ereignis erlebe man nur einmal im Leben, vor seinem Gebäude wurden lange Tafeln zur Essensausgabe aufgestellt, Holzrücker kamen aus der Eifel, um Wege freizumachen.
Zeit bis alle Wunden heilen
„In diesen heißen Sommertagen sind die Böden wieder so trocken, dass sie bei Regen kein Wasser aufnehmen können“, stellte die Unterstädterin Susanne Visé in ihrem Wortbeitrag fest. Seit der Flut seien alltägliche Geräusche wie Regen oder die plätschernde Weser für viele mit Sorge verbunden. Es brauche Zeit, bis alle Wunden geheilt sind.
„Wohin mit den Bergen von Schutt?“, fragte man sich nicht nur im Kabelwerk. Dem Betrieb waren alle Werkzeuge weggeschwommen, Mitarbeitende kamen aus dem Urlaub zurück, um zu helfen, überall wuselte es vor Freiwilligen, erinnerte sich Hermann-Josef Bernrath, Generalsekretär des Kabelwerks.
Freundschaften
Sebastian Borch aus dem Ortsteil Hütte schilderte, wie das Wasser am frühen Nachmittag des 14. Juli noch einmal zurückgegangen war, bevor die Situation zwischen 21 und 22 Uhr brenzlig wurde. Sein Haus wurde zur Insel, das Wasser stand kniehoch. Auch fünf Jahre nach der Flut seien die in der Krise entstanden Freundschaften zwischen Nachbarn noch genauso eng.
Das Kabarett Jedermann hat die Flutkatastrophe in einem gesungenen Gedicht verarbeitet: „Kein Mensch mehr in den Straßen, durch die sich die Fluten fraßen“. Rudi Theissen sorgte für eine musikalische Pause zwischen den Wortbeiträgen und trug das bildstarke und bewegende Gedicht erstmals außerhalb des Kabarettprogramms vor.
Auf einem guten Weg
Die Unterstadt sei nun auf einem sehr guten Weg, so Nathalie Johnen von der VoG Unterstadt – ein starkes Viertel. Ihr großer Dank galt den vielen Helferinnen und Helfern, der Stadt und allen öffentlichen und privaten Geldgebern.
Das Klavier der Freien Evangelischen Kirche in der Malmedyer Straße wurde durch die Flut zum Seitenfenster hinausgetragen. Alles sei weggeschwommen, die Bücher, das Material für die Arbeit mit den Kindern, erinnert sich Berthold Lamparter. Wenn ein LKW auf der Straße piepst, bringe das auch heute noch die Bilder der Flut hervor. „In Krisen lernt man, was das Leben bedeutet.“, so seine hoffnungsvollen Schlussworte.
Keiner wollte nach Hause
In den frühen Morgenstunden des 15. Juli erreichte Pierre Egyptien als einer der ersten den KTC. Er habe geschaufelt, gekehrt, getragen, einfach angefangen. Dann musste er aufhören, um die zeitweise über 100 Helfer auf dem Gelände, die mit Schaufeln und Gummistiefeln gekommen waren, zu koordinieren. Jeder hatte das mitgebracht, was er zur Hand hatte. Das habe den Unterschied gemacht.